Von Hanjo Spang, Seelsorger für Alten- und Pflegeheime
„Erinnern Sie sich noch an den ersten Schneefall in einem Spätherbst oder Winter Ihrer Kindheit?"
"Es war wie der Einbruch einer anderen Realität. Etwas Scheues, Seltenes, das uns besuchen kommt, das sich herabsenkt und die Welt um uns herum verwandelt, ohne unser Zutun, als unerwartetes Geschenk. Der Schneefall ist geradezu die Reinform einer Manifestation des Unverfügbaren: Wir können ihn nicht herstellen, nicht erzwingen, nicht einmal sicher vorherplanen, jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum hinweg. Und mehr noch: Wir können des Schnees nicht habhaft werden, ihn uns nicht aneignen: Wenn wir ihn in die Hand nehmen, zerrinnt er uns zwischen den Fingern, wenn wir ihn ins Haus holen, fließt er davon, und wenn wir ihn in die Tiefkühltruhe packen, hört er auf, Schnee zu sein. Vielleicht sehnen sich eben deshalb so viele Menschen – nicht nur die Kinder – nach ihm, vor allem an Weihnachten. Viele Wochen im Voraus werden die Meteorologen bestürmt und bekniet: Wird es dieses Jahr weiß?“ - das schreibt der in Lörrach geborene Soziologe Hartmut Rosa.
Der Schnee ist sichtbares Zeichen dafür, was an Weihnachten gefeiert wird: Sozusagen aus dem Himmel kommt ohne unser Zutun ein Geschenk, das wir nicht machen und das wir nicht besitzen können. Es ist das Geschenk der Zusage des Universums, dass jede:r von uns wertvoll und wie ein neugeborenes Kind ein Wunder ist. Diese Zusage können wir uns nicht selbst geben. Sie kann nur in der Berührung und der Erfahrung mit dem Unverfügbaren entstehen.