Tag der Arbeit

Von Hanjo Spang, Seelsorger für Alten- und Pflegeheime

Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig: Der „Tag der Arbeit“ ist ein arbeitsfreier Tag, ein Feiertag.

 
Auf den zweiten Blick leuchtet es ein, einmal aus dem Hamsterrad der Arbeit aussteigen zu können, um sich Gedanken über das Wesen der Arbeit zu machen. Ist Arbeit eine Not-wendige Tätigkeit, um das eigene Überleben zu sichern, mit einem Lohn als „Schadensersatz“ für die gezwungenermaßen erbrachte Zeit und einem Urlaub auf Mallorca als Ausgleich? Darf ich arbeiten oder muss ich arbeiten? Wie sehr sehne ich die Zeit der Rente, in der ich nicht mehr arbeiten muss, herbei?
 
Vor 2500 Jahren gab es in Griechenland freie Bürger, die nicht arbeiten mussten und unfreie Sklaven, die arbeiten mussten, um zu überleben. Genauer betrachtet ist der 1. Mai nicht „Tag der Arbeit“, sondern „Tag der Arbeiterbewegung“. Am 1. Mai 1886 wurde mit einem Generalstreik in den USA von den Gewerkschaften anstatt der üblichen 12 Stunden Arbeit der Achtstundentag eingefordert. Dabei ging es um die Einsicht, dass sich das Leben nicht nur um die Sorge der Existenzsicherung dreht: Arbeit ist wesentlich etwas anderes als Mittel zum Zweck des „Broterwerbs“. Leistung zu erbringen, die messbar und vergleichbar mit der Leistung anderer ist, ist ein Merkmal, das ursprünglich nicht zur Arbeit gehörte. Mittlerweile ist er zu einem wichtigen Aspekt von Arbeit geworden, so wichtig, dass die Arbeit in manchen Fällen zu einem Burn-out führt und nicht mehr Ausdruck dessen ist, was man verwirklichen will.
 
Wer in einem Altenheim arbeitet, hat am Ende des Monats sein Geld redlich verdient, auch wenn es eigentlich zu wenig ist. Die Arbeit dort ist anspruchsvoll und manchmal belastend. Sie findet gesellschaftlich gesehen nicht die Anerkennung, die ihr eigentlich gebührt. Diese Arbeit dennoch als sinnvoll, erfüllend und als Möglichkeit sehen zu können, sich zu verwirklichen, trägt zur Berufszufriedenheit bei. Davor steht jedoch die Frage: Arbeite ich, um (danach) leben zu können oder lebe ich, um (hier, bei diesen Menschen) arbeiten zu können?
Ansprechperson

Hanjo Spang

Seelsorger für Alten- und Pflegeheime